Seat Leon LPG – Autogas emoción?
von: Ralf Schütze / rs
Was macht ein Fan von Volkswagen-Qualität mit ihrer akribischen Spaltmaßreduzierung, wenn ihm VWs zu gewöhnlich, Skodas zu bieder und Audis zu modernistisch sind? Ganz einfach: Er greift zu einem Auto von Seat, der spanischen Tochter des zweitgrößten Autokonzerns der Welt. Auf Augenhöhe mit dem VW Golf haben die Spanier mit dem beinahe verführerischen Marken-Claim „auto emoción“ den Leon im Angebot – ein sportlich gezeichneter und ebenso abgestimmter Kompaktwagen, den es für besonders kosten- und umweltbewusste Autofahrer auch in der Autogas-Version Leon LPG gibt. Wir haben den Bifuel-Seat getestet und festgestellt: Der Slogan „autogas emoción“ hat nur bedingt die Glaubwürdigkeit des Originals.
Die emotionale Art, Wolfsburger Technik zu bewegen
Der Seat Leon ist etwas für Individualisten mit Hang zur Sportlichkeit. Individualisten deshalb, weil sie nicht die Warnblinker ihres Autos per Funkfernbedienung aktivieren müssen, um es aus einer Vielzahl von schwarzen, weißen oder silbernen Gölfen auf dem Großparkplatz identifizieren zu können. Ein Seat Leon steht zwar auf der selben Plattform, tritt aber selten genug in Erscheinung, um sich wohltuend aus der großen Menge von Kompaktwagen auf unseren Straßen hervorzuheben. Das Platzangebot im Leon ist auf den vorderen Sitzen üppig wie beim Wolfsburger Artverwandten, auf den Hintersitzen und beim Kofferraum jedoch schmaler bemessen. Dazu kommt eine im Vergleich zum VW Golf nach hinten deutlich unübersichtlichere Karosserie. Die zahlreichen Vertreter der Double-Income-No-Kids-Generation (sogenannte DINKs) können’s verschmerzen, zumal sie auf den ersten Blick ein Coupé bewegen: Die hinteren Türgriffe sind geschickt im hinteren Seitenfenster integriert, was zusammen mit einer deutlich nach hinten abfallenden Dachlinie den Eindruck eines Zweitürers unterstreicht.
Dafür kommen Leon-fahrende DINKs in den Genuss eines sportlich abgestimmten Fahrwerks mit etwas mehr Härte, als erwartet. Aber die Straffheit, die nur ein wenig Komfort kostet, bringt andererseits im Fahrverhalten angenehme Agilität. Das passt so recht zur knackigen Schaltung und exakten Lenkung des Leon sowie zu seiner ausgesprochenen Handlichkeit. All dies fügt sich harmonisch in ein sportliches Gesamtbild, zu dem hervorragend die Motorenpalette aus den Volkswagen-Regalen passt – mit durchzugsstarken TSI-Motoren unter den Benzinern sowie wahren Drehmoment-Wundern unter den Dieseln.
Der Seat Leon LPG ist ein 1,6-Liter-Benzinmotor, der wahlweise auch mit Autogas (LPG) läuft. Im Gasbetrieb liegt die Leistung mit 98 PS um vier Pferdestärken unter dem Benzinmodus. Den Autogas-Verbrauch gibt Seat mit 9,4 l/100 km an, was bei einem 43 Liter-Tank zu einer rechnerischen Reichweite von 457 km reicht. Im Praxistest verbrauchten wir in etwa die von Seat angegebenen Menge jedoch nur bei konstant 120 km/h auf Langstrecke (exakt: 9,3 Liter). Über alle Einsatzgebiete hinweg (Stadt, Land, Autobahn) ergab sich bei uns ein Durchschnittverbrauch von 8,7 Liter – damit käme man schon knapp 500 km weit. Bei extrem sparsamer, vorausschauender und zurückhaltender Fahrweise sind mit dem LPG-Spanier sogar 6,5 Liter drin – dann darf man’s aber wirklich nicht eilig haben.
1253 km Reichweite mit Autogas und Benzin Zur Autogas-Reichweite addiert sich im Notfall die Benzinreichweite, die dank 55 Liter-Tank weitere 753 km beträgt (Normverbrauch des mit Benzin 102 PS starken Motors: 7,3 l/100 km). In diese Verlegenheit kommt man heutzutage allerdings immer seltener, denn das Netz von LPG-Zapfsäulen umfasst mittlerweile schon über 6.000 Tankstellen bundesweit. So kann der Leon-Fahrer praktisch immer Gas geben und Geld sparen. Und die Charakteristik des Motors? Rein rechnerisch herrschen vier Pferdestärken Differenz, gefühlt bleibt davon nicht viel übrig. Der 1.6-Liter-Motor ist weder mit Benzin noch mit Autogas eine temperamentvolle Ausgeburt an Sportlichkeit, dazu ist sein Drehmoment von 144 Nm zu gering. Aber auf Drehzahl gehalten, geht er im LPG wie auch im konventionellen Modus ausreichend forsch zu Werke.
Wer die Flüssiggas-Version eines Seat Leon nicht nur aus Gründen des umweltschonenden Fahrens bewegt (also wegen deutlich geringerem Ausstoß von Kohlendioxid, Stickoxiden sowie Kohlenwasserstoffen), kann sich jedes Mal an der Tankstelle freuen und mit breitem Grinsen zur Kasse schreiten. 100 km mit Autogas kosten im Leon LPG bei den aktuellen Autogaspreisen 6,01 Euro, mit Benzinantrieb jedoch 10,51 Euro. Das heißt: Alle 10.000 km spart man 450 Euro dank der zusätzlichen Autogas-Technik. Der Seat Leon LPG steht mit 19.890 Euro in der Preisliste. Im Vergleich zu den anderen aktuellen Leon-Varianten kann man ihn ungefähr mit dem 1.2 TSI gleichsetzen, der 105 PS leistet und 18.190 Euro teuer ist.
Fazit Der umweltschonende Südeuropäer geht sauber und sparsam zur Sache, das von einem feurigen Spanier erwartete Temperament lässt er allerdings vermissen. Trotzdem: Der Seat Leon LPG ist wie all seine Modellbrüder eine willkommene Abwechslung zum Wolfsburger Massenprodukt. Wer auf individuelles Design steht, steht auch auf den Leon. Wer außerdem mit LPG fahren möchte, wird die sparsame und umweltschonende Variante von „auto emoción“ zu schätzen wissen.
Bewertung
Plus:
- schnittiges Design
- geringe spritkosten mit lpg
- hohe Qualitätsanmutung
- knackige schaltung, direkte lenkung
- sehr gute platzverhältnisse vorn
- ausgewogenes fahrverhalten
Bewertung
Minus:
- durchzugsschwäche (gilt für benzin und autogas)
- eingeschränkter platz hinten
- komforteinbußen durch straffes fahrwerk
Autogas