Mini E: Typischer Mini-Fahrspaß unter Strom
von: Alternative Motion / rs
Was war und ist der Mini nicht alles?
Rennsemmel als Sieger der Rallye Monte Carlo 1964, Kultobjekt als knuffiger Cityflitzer, schicker Kleinwagen für Besserverdiener. Aber ein futuristisches High Tech-Mobil? Als Mini E schlüpft er auch in diese Rolle. Der strombetriebene Vorserien-Mini beweist derzeit 600fach bei Pilotprojekten in aller Welt seine Alltagstauglichkeit und zeigt, dass seine Technik gar nicht so futuristisch ist, wie manche glauben. Dieselbe Herausforderung muss er beim alternative-motion-Test in und um München meistern.
Elektro-Mobilität nimmt immer konkretere Formen anDer Tesla Roadster stromert zahlreich und lautlos über unsere Straßen, der Mitsubishi i-MiEV und seine Ableger von Peugeot und Citroen sind fürs Jahresende angekündigt, einige Kleinserien-Exoten rangeln um trendsetzende Kundschaft. Lange vor einer möglichen Serienproduktion besteht zur gleichen Zeit der elektrisch betriebene Mini E seine erste Feuerprobe: Rund 100 Fahrer haben 15 Exemplare des emissionfreien City-Mobils in und rund um München bewegt, ihre Erfahrungen dabei haben bewiesen: Elektro-Mobilität funktioniert schon heute. Die Nutzer haben vor allem daheim und im Büro nachgeladen, sie wünschen sich umweltfreundlichen Öko-Strom und sind bereit, dafür einen Aufpreis zu zahlen. Solche Erkenntnisse aus den Pilotprojekten in München und aller Welt nutzt BMW bis 2013 zur Entwicklung des „Megacity Vehicle“.
Der Mini E wird so offenbar nie in Serie gehen
Schade daran: Der Mini E wird offenbar so, wie wir ihn getestet haben, nie in Serie gehen. Einziger Trost: Wenigstens kann man darauf vertrauen, dass BMW nicht die Fahrdynamik aus den Augen, wird, und so sollte der Megacity ein ähnlich agiles Kerlchen werden wie der unter Strom stehende Mini E. Wer das typische, gokart-ähnliche Fahrgefühl des britischen Bajuwaren zu schätzen weiß, wird sich freuen zu hören: Der Elektro-Mini macht genauso Spaß, wie seine heute käuflichen, fossil fahrenden Brüder.
Der von den 150 kW (das entspricht satten 204 PS) eines Elektromotors flott angetriebene Mini E macht mächtig Laune, manchmal sogar mehr als ein oberflächlich vergleichbarer Benzin- oder Diesel-Mini. Denn für Fahrspaß und Fahrkomfort ist das in Newtonmetern angegebene Drehmoment viel wichtiger, als die meist am Stammtisch zitierten Pferdestärken. Drehmoment schiebt ein Auto schon „von unten heraus“ an, also auch bei niedrigen Drehzahlen. PS dagegen verlangen oft nach hoher Drehzahl und intensiver Arbeit an der Handschaltung. Mindestens die mächtigen 220 Nm des Mini E können von den heute käuflichen Modellvarianten erst der Cooper S oder der Cooper D vorweisen. Die bieten zwar sogar 260 und 240 Nm, aber der Mini E wuchtet seine 220 Nm sofort komplett auf die Vorderachse – kein Anlaufnehmen, Allmählich-In-Schwung-Kommen oder sonstige Verzögerungen, sondern eine urplötzliche Leistungsexplosion.
Das volle Drehmoment liegt ganz oder gar nicht an
Digitale Drehmoment-Abgabe im Sinne von „Ganz oder gar nicht“ prägt das Fahren im Mini E: Sobald das Strompedal gedrückt ist, springt der Strom-Zwerg los, als säße am Steuer ein gieriger Apple-Jünger auf dem Weg zum Verkaufsstart des nächsten i-phone. Ich dagegen kann mich beherrschen. Ich muss nicht ständig voll aufs Gas-, äh Voltpedal steigen. Lieber gewöhne ich mich allmählich daran, dass dieser Mini anschiebt, ohne einen deutlichen Laut von sich zu geben. Das erklärt die intensiven, bisweilen offensichtlich erstaunten oder gar ratlosen Blicke von Fußgängern und Radfahrern: Sie schauen so, weil sie nichts hören. Nur sehen können sie, wie der Mini mit dem Geschwindigkeits-Zuwachs eines Golf GTI beschleunigt oder – statt Bremsbelagstaub in die Luft zu blasen – rekuperierend wieder zum Stillstand kommt.
Durch Rekuperieren in acht Sekunden von 50 km/h in den Stillstand
Rekuperieren heißt beim Mini E: Zehnmal soviel Energie zurückgewinnen, wie beim Aufladen. Entschleunigung, die fast der Bremskraft gleichkommt. Nur in Notsituationen muss ein vorausschauend fahrender Mini-Pilot aufs linke Pedal treten, sonst reicht fast immer das Liften des Stromfußes: In nur rund acht Sekunden kommt man aus Tempo 50 in den Stillstand, wenn man vom Strompedal geht. Und zwar in den völligem Stillstand, denn der Mini rührt sich keinen Millimeter weit, wenn man keine Volt in den Elektromotor schickt. Das unterscheidet ihn etwa vom Tesla Roadster, der ohne Druck aufs Strompedal langsam rollt – so wie man es von konventionellen Automatik-Autos gewohnt ist und beim Einparken und gefühlvollen Rangieren zu schätzen weiß.
Vermutlich erklären sich mit dem Sparpotenzial durch gezieltes Rekuperieren die unterschiedlichen publizierten Reichweiten des Strom-Zwergs. Offiziell kommt er 250 km weit. Testergebnisse deuten oftmals auf weniger als 150 km hin. Unsere Praxisreichweite: 158 km. Zustande kam dieser Wert unter häufigem Abruf der Maximal-Beschleunigung, denn das Kind im testenden Manne war einfach nicht davon abzuhalten. Bei sorgfältig nachhaltiger Fahrweise wären deutlich mehr Kilometer Reichweite drin, vielleicht sogar bis zu 200 km.
Der elektrische Freuden- und Fahrspaßspender unter Minis Motorhaube stammt von den kalifornischen Spezialisten AC Propulsion. Gespeist von 106 Lithium-Ionen-Zellen dreht das Aggregat bis zu 13.000/min. und hält den Mini E mehr als genug in Schwung. Das Geräusch im Innenraum ist sehr dezent, auch wenn man versucht, die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 152 km/h zu fahren. Wir haben dies laut Tacho relativ schnell erreicht, stellten dann aber fest, wie schnell die angegebene Prozentzahl von Restenergie schwinden kann. Die Nadel im linken Instrument sinkt dann so schnell wie der Höhenmesser eines landenden Flugzeugs.
Berufstätige haben mit 220 V genug Zeit zum Laden der AkkusDie Ladezeit an der Haushaltssteckdose dauert in etwa so lange, wie die typische Aufenthaltsdauer eines Berufstätigen zu Hause: Gut 13 Stunden. Wer also um 19 Uhr heimkommt, kann am nächsten morgen um 8 Uhr das Haus mit vollen Akkus wieder verlassen. Wer in Eile ist, muss den Mini E mit 380 V speisen, dann liegt schon nach dreieinhalb Stunden die volle Reichweite wieder an. Der Fahrer stellt am Cockpit ein, ob mit 12, 32 und 50 Ampere geladen wird. Das 5 m lange Ladekabel liegt in der Schatulle, die hintern den Akkus vom ehemaligen Mini-Kofferraum übrigbleibt – obwohl auch schon die Rücksitze den Stromspeichern weichen mussten. Kein ideales Auto fürs Ikea-Shopping also, aber immerhin haben für Beutzüge durch Nobelboutiquen drei bis vier Kartons Manolo Blahnik-Schuhe Platz.
Die Soundkulisse im Mini E ist ein Gemisch aus reinen Wind- und Abrollgeräuschen, erst ab 90 km/h mischt sich vom Elektromotor her ein vernehmbares Zischen darunter, in etwa so wie beim Mitsubishi i-MiEV und nie wirklich störend. Bei der rasanten Fahrt auf Landstraßen glänzt der Mini E mit spontanem Einlenken. Wie dem konventionellen Mini kommen auch ihm die konstruktiven Vorteile zugute: Tiefer Schwerpunkt, kurze Überhänge. Nur bei sehr schneller Kurvenfahrt auf nasser Fahrbahn haben wir eine auffallend deutliche Tendenz zum Übersteuern festgestellt, wie wir sie vom Mini her nicht so deutlich kennen. Bemerkbar war dieses Phänomen in alltäglichen Fahrsituationen jedoch nicht.
Fazit:
Der Mini E macht neugierig auf das Megacity Vehicle von BMW!
In Sachen Reichweite, Ladezeiten und Leistungsausbeute fährt sich der Mini so vielversprechend, wie es die konventionelle, agile Basis hoffen lässt. Auf dieser Performance aufbauend dürfen wir uns auf das freuen, was BMW 2013 unter dem Namen „Megacity Vehicle“ zur Elektro-Mobilität beitragen wird.
Bewertung Plus:
- Fahrspaß eines Mini bleibt erhalten
- Reichweite von gut 150 km reicht für typischen City-Fahrer
- niedrige Ladekosten
- kurze Ladezeit mit leistungsstarker Drehstromladung
- null vor-Ort-Emissionen
- wenig Verschleiß durch Elektromotor und Rekuperation
Minus:
- neigt mehr als konventioneller Mini zum untersteuern
- lange Ladezeit an Haushaltssteckdosen
- künftigen Lademöglichkeiten noch unklar
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