Hybrid auf Speed – Hybrid spart bei hohem Tempo
von: ralf schuetze / rs
Hybrid-Antrieb wird immer populärer, leidet aber nach wie unter vielen Vorurteilen. Eines der wichtigsten: Hybrid-Technik lohne sich bei hohem Tempo und auf Langstrecke überhaupt nicht. Tatsächlich spielt ein Hybrid seine Vorteile vor allem im innerstädtischen Stop-and-go-Verkehr aus, aber: Selbst bei konstant hohem Tempo von durchschnittlich 110 km/h wird das Sparmobil mit Verbrennungs- und Elektromotor nicht zum Schluckspecht, wie unser Praxistest zwischen Köln und München bewiesen hat.
Verbrauchs-Erfolge gegen den Verlierer-Blues
Freitag Nachmittag, 18. Juni 2010. Gerade hat ein schief gewickelter Schiedsrichter eine ganze Nation in Schockstarre versetzt. Fußball-Deutschland summt nach dem Spiel gegen Serbien den Verlierer-Blues. Ich rolle oder rase je nach Tempolimit mit 80, 120 und zeitweise bis zu 160 km/h über die A3 von Köln Richtung München. Mich kann jetzt nicht viel trösten, aber die Anzeige im Zentraldisplay des Toyota Prius wirkt durchaus mildernd auf meine geschundene Fußballfan-Seele: 4,6 Liter auf 100 km, und das trotz forscher 110 km/h im Schnitt. Respekt! Der Hybridantrieb hat auch außerhalb geschlossener Ortschaften ordentlich was drauf. Wohlgemerkt: Um auf 110 km/h im Schnitt zu kommen, ist bei den vielen 80er-Zonen zwischen Köln und München auch immer wieder Tempo 160 und mehr nötig.
Als ich es auf dem weiteren Weg Richtung München auf der A9 so richtig fliegen lassen kann, komme ich zwischen Nürnberg und Ingolstadt phasenweise auf einen Schnitt von 146 km/h und verbrauche dabei 6,9 Liter. Auch das ist ein Wert, der sich durchaus sehen lassen kann. Der Technologie-Träger Prius ist also kein reines Image-Vehikel, um das schlechte grüne Gewissen zu beruhigen und lediglich auf innerstädtischen Straßen zusätzlich Spritkosten zu sparen. Er ist auch auf Langstrecke ein ernstzunehmendes Familienauto mit zurückhaltenden Trinkmanieren.
50 Mio. Rechenoperationen pro Sekunde – lohnt sich der Aufwand?
Wie schreibt Christof Vieweg so schön über Voll-Hybrid-Autos wie den Prius in seinem empfehlenswerten Standardwerk zum Thema alternative Antriebe („E-Autos“, Delius Klasing Verlag, 19,90 Euro, ISBN 978-3-7688-3235-9): „So arbeitet zum Beispiel im Mercedes ML 450 Hybrid ein Mikrocomputer, der 160 Mal pro Sekunde den jeweils verbrauchsgünstigsten Betriebsmodus austüftelt und dabei bis zu 50 Millionen Rechenoperationen absolviert. Ob der Aufwand lohnt, muss jeder Autokäufer selbst entscheiden.“ Eine Entscheidungshilfe zugunsten des Voll-Hybrid: Für 24.950 Euro erhält der Prius-Fahrer immerhin eine Mittelklasse-Limousine mit einer Systemleistung von 136 PS. Im Vergleich zum Vorgängermodell konnte Toyota die Leistung um 27 Prozent und das maximale Drehmoment immerhin um 23 Prozent steigern. Gleichzeitig sank der Verbrauch um 14 Prozent auf 3,9 Liter im EU-Fahrzyklus. Vergleichbar große und variable Autos mit Benzinantrieb liegen preislich kaum günstiger, im Verbrauch aber deutlich höher (zum Beispiel Mazda 3, Hyundai i30 cw, Audi A3 sportback).
Zum sparsameren Highspeed-Verhalten der dritten Prius-Generation trägt der erstaunlich geringe Cw-Wert von 0,25 bei – der geringste Luftwiderstand eines Schrägheck-Pkw weltweit. Außerdem entwickelt der Verbrennungsmotor seine 142 Nm Drehmoment (plus 32 Nm) bei niedrigerem Drehzahlniveau im Vergleich zum Prius 2. Überhaupt senkt ein neu entwickeltes Reduktionsgetriebe die Motordrehzahl etwa bei 120 km/h von bisher 2.470/min. auf 2.180/min., was für mehr Laufruhe und einen um zehn Prozent gesunkenen Landstreckenverbrauch sorgt.
Trennkupplung ermöglicht „Segeln“ beim Porsche Cayenne S Hybrid
Auch die Sportwagenschmiede Porsche hat sich zum Thema Hybrid und Highspeed etwas einfallen lassen. Das sogenannte „Segeln“ spielt bei Porsches Hybrid-Technologie (baugleich mit VW, Audi) eine entscheidende Rolle für den Verbrauch bei höherem Tempo: Beim Gaswegnehmen wird bis 156 km/h der Verbrennungsmotor ausgeschaltet und abgekoppelt, um Schleppmomente durch den Benziner und deren starke Bremswirkung zu vermeiden. Der Porsche Cayenne S Hybrid „segelt“ dann mit geringst möglichem Widerstand dahin. Die E-Maschine arbeitet in diesem Zustand im Generatorbetrieb und erzeugt somit elektrische Energie, die gespeichert wird. Es ist vor allem die Trennkupplung, die das „Segeln“ ermöglicht und so weitere Verbrauchseinsparungen bis in höhere Geschwindigkeitsbereiche erschließt. Porsche-typisch: Gibt der Fahrer im Segel-Modus Gas, zum Beispiel um zu Überholen, springt der Verbrennungsmotor in Sekundenbruchteilen wieder an und wird auf Drehzahl gebracht. Ein Zwischenspurt ist somit beim verbrauchsgünstigen Hybrid-Segeln genauso möglich, wie beim konventionellen Cayenne. Die Leistungsdaten des Cayenne S Hybrid: Die Systemleistung beträgt 380 PS, das kombinierte Drehmoment von 580 Nm liegt bereits bei 1.000/min. an. Bulliger Antritt, wie man ihn von einem Porsche erwartet, ist somit garantiert.
Wichtig im Vergleich von Hybrid-Fahrzeugen zur Konkurrenz mit reinen Verbrennungsmotoren: Die modernen „Downsizing“-Benzinmotoren mit relativ kleinem Hubraum und Turbo- oder Kompressor-Aufladung haben bei niedrigen bis mittleren Drehzahlen erstaunlich günstige Verbrauchswerte, was unter anderem zu imposanten Normverbräuchen im Verkaufsprospekt führt. Bei hohen Drehzahlen jedoch, die bei der Ermittlung des EU-Normverbrauches weniger relevant sind, ändert sich dies teilweise vehement. Verbraucher sollten also nicht nur bei Hybrid-Autos strenge Maßstäbe an Sinnhaftigkeit des Systems und Sparsamkeit in relevanten Fahrzuständen ansetzen, sondern dies auch bei der konventionellen Konkurrenz tun. Am besten: Intensive und fundierte Probefahrten mit bewusstem Blick auf die Verbrauchsanzeige.
Fundierter Vergleich zwischen Hybrid-Autos und Konkurrenz
Dabei spielen für die meisten Autofahrer Überland- und Autobahnfahrten nur eine untergeordnete Rolle, im Vordergrund steht meist der Stadtverkehr. Und hier hat ein Hybrid wie der Prius eindeutig seine Stärken. Der ADAC hat ihm im City-Einsatz einen Praxisverbrauch von bislang unschlagbaren 2,6 Liter auf 100 km attestiert.
Interessant an Vollhybriden wie dem Toyota Prius: Mit genügend Strom und bei niedrigen Geschwindigkeiten (Prius: bis zu 45 km/h schnell und bis zu 2 km weit) fahren diese Autos rein elektrisch, völlig emissionsfrei und absolut lautlos. Letzteres zum Erstaunen von unwissenden Passanten, die den Japaner noch nicht als visionäres Benzin-Elektro-Fahrzeug erkannt haben. Viele Menschen werden neugierig, stellen am Parkplatz des Einkaufszentrums ungeniert Fragen und zeigen deutliches Interesse. In solchen Momenten kann sich der Besitzer eines Hybrid-Autos bestätigt fühlen: Er bewegt vielleicht nicht die Technologie für die ferne Zukunft, ist aber mehr als die meisten Autofahrer auf dem richtigen Weg dorthin.