Emiglia Epilog 2010
Es geht auch elektrisch. Das ist die wichtigste Erkenntnis der e-miglia 2010, der ersten Rallye weltweit nur für Elektrofahrzeuge, die an vier Tagen über 560 km von München nach Rovereto am Gardasee führte. Skeptiker lassen zögerlich von ihren Zweifeln los, Unentschlossene staunen respektvoll, Mitglieder der Elektro-Fangemeinde haben es vorher schon gewusst: Die Rallye war für 25 strombetriebene Fahrzeuge mit zwei bis vier Rädern eine große Herausforderung, aber sie war zu bewältigen. 24 sind am Ziel angekommen, keinem ist unterwegs der Strom ausgegangen, nur ein Team musste am Abend der dritten Rallye-Etappe mit technischem Defekt aufgeben. Auf dem Podium standen am Ende zwei Tesla Roadster als Doppelsieger, Rang drei ging an einen Think City. Doch der wahre Sieger ist die Elektro-Mobilität.
E-Mobile wurden bis an die technischen Grenzen gefordert
53 kg CO2 bläst das typische Automobil auf der Fahrt von München nach Rovereto am Gardasee in die Atmosphäre – erhöhten CO2-Ausstoß der Insassen beim ungeduldigen Warten im Stau noch nicht mitgerechnet. Die Elektrofahrzeuge der e-miglia schafften die Strecke völlig ohne Schadstoffausstroß und ohne gravierende Probleme. Sie fuhren auf ihrer Rallye-Route insgesamt 560 km statt der minimal notwendigen 357, da hätten fossile Verbrenner die Alpenluft der Brenner-Trasse sogar mit rund 84 kg CO2 belastet. Das wären für alle 24 ankommenden Fahrzeuge satte 2,1 Tonnen Kohlendioxid gewesen.
Elektroautos wie Karabag 500e, Tazzari Zero, Jetcar Elektro, Tesla Roadster, Think City oder das einzige Strom-Bike Quantya Strada von Marcel Schwager aus Davos haben diese Schadstoffbelastung vermieden. Und dabei wertvolle Erfahrungen sammeln können. Georg Kreitmair etwa vom Team First Mobility hat die e-miglia im E-TRIC Cabrio gemeistert und zieht am Ende der 560 km euphorisch Bilanz: „Es war ein Traum. Ich habe heute die gesamte Strecke inklusive der beiden Pässe ohne Zwischenladen geschafft. Die Erkenntnisse, die wir bei dieser Rallye gewonnen haben, lassen wir nun in die Serienproduktion des E-TRIC einfließen. Das wird die Leistungsfähigkeit unseres kleinen Flitzers deutlich erhöhen.“
Alltagstauglichkeit von Elektroautos heißt die Botschaft
Gesamtsieger des ersten großen Elektroabenteuers: Das Team Energiebau auf Tesla Roadster. Tim Ruhoff (25) und sein Beifahrer Steven Hoffmann (20) erzielten bei zwei von drei Sonderprüfungen die Bestzeit und freuen sich nun über ein Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro. „Im Tesla mit all den anderen E-Cars durch diese wunderschönen Landschaften zu fahren, war schon traumhaft. Dass wir auch noch gewonnen haben, macht das Erlebnis einfach perfekt“, freute sich Ruhoff bei der Siegerehrung. Auf Platz zwei folgen Carlo Bermes und Wulf Biebinger vom Team JuWI Racing – ebenfalls im Tesla. Mit einer Gesamtzeit von 37:30:03,77 Stunden liegt das Duo nur 2,18 Minuten hinter den Führenden – und 2,09 Minuten vor Markus Spiekermann vom Team Move About Bosch im Think City. Marcel Schwager, einziger Elektrobiker im Teilnehmerfeld, beendete die e-miglia 2010 auf einem beeindruckenden fünften Platz.
Tagesetappen von bis zu 170 km, gespickt mit fünf Alpenpässen, lagen zwischen Start und Ziel, jeweils nach 80 km standen wie am Anfang und Ende jeder Etappe Ladestationen mit 230 Volt und 16 Ampere über Schukostecker bereit. Also keine Kaffefahrt rund um den Kirchturm, sondern eine echte Herausforderung, wie nicht nur Teilnehmer und TÜV Süd-Chef Dr. Axel Stepken vor Startschuss übereinstimmend mit zahlreichen Experten betont hatte: „Es geht hier um die Botschaft der Alltagstauglichkeit von Elektroautos an die Autofahrer. Hierzu ist die e-miglia hervorragend geeignet, weil hier E-Mobile bis an die technischen Grenzen gefordert werden.“
Grand Prix-Bikerin Katja Poensgen begeistert von Elektroautos
Prominente Testerin über die e-miglia und mehrere teilnehmenden Fahrzeuge hinweg: Katja Poensgen, bis heute einzige weibliche MotoGP-Fahrerin und junge Mutter. Sie nahm die Elektrofahrzeuge mit den Ansprüchen einer Kleinfamilie unter die Lupe und zeigte sich vom Stand der Technik grundlegend begeistert: „Es hat total Spaß gemacht, elektrisch unterwegs zu sein. Besonders mit dem Tesla Roadster, der geht fast ab wie ein Motorrad. Er wäre als Zweitwagen genau das Richtige, als Familienauto ist er natürlich ungeeignet.“ Schade nur, dass sie sich den zweisitzigen Sportwagen nie werde leisten können. Rund 100.000 Euro Preis stehen der Liason Poensgen-Tesla im Wege, der Reiz wäre jedoch für die ehemalige Motorradrennfahrerin groß. Kein Wunder angesichts der Leistungsdaten: Null auf hundert in 3,9 s, das schafft auch kein Porsche 911 Turbo schneller, 212 km/h Spitze. Und dazu eine großzügige Reichweite von bis zu 400 km.
Für eine kleine Jungfamilie könnte von Raumangebot und vom Preis her schon eher
der Think City passen, mit zwei Notsitzen hinten und 160 km Reichweite. Von seiner Leistungsfähigkeit zeigte sich Katja Poensgen sichtlich überrascht: „Ich konnte sogar damit überholen.“ Der nur 3,12 m kurze Cityflitzer wird ab 2011 in USA für umgerechnet rund 21.000 Euro zu haben sein. Bei der e-miglia ist der Think City des Bremers Markus Spiekermann als bester nicht-Tesla sogar auf Platz drei gelandet.
Knackpunkt Kühlung, Lichtblick Rekuperation Der Schlussabschnitt der letzten Etappe zwischen Trento und Rovereto verlangte den stromernden e-miglia-Teilnehmern noch einmal alles ab – hinter den Elektromobilen lag bereits der 1.400 m hohe Mendelpass, vor ihnen zuerst der 7,7 km lange und nur 2,5 m schmale Kaiserjägerweg mit extremen Steilpassagen und dann der Passo Sommo. Auf diesen anspruchsvollen Routen summierten sich samt Vormittagsstrecke insgesamt 2.748 Höhenmeter. Vor allem den Piloten der kleinen Stadtfahrzeuge bereitete dies Kopfzerbrechen, denn deren Problem am Berg ist neben der nötigen Energiereserve vor allem die Temperatur.
Keiner ist am Ende daran gescheitert, doch drängt sich nach der e-miglia bei einigen Fahrzeugen etwa eine Vergrößerung des Kühlkreislaufes auf. Begeisterung rief hingegen die Rückgewinnung von Antriebsenergie durch Rekuperation auf den langgezogenen Bergabfahrten hervor – etwa bei Nicole Y. Männl, Beifahrerin in einem mit BEA-tricks-Umrüstkit ausgestatteten Smart Fortwo: „Unser Cityflitzer hatte wie alle kleinen Fahrzeuge auf den Bergetappen Temperatur- und Energieprobleme. Die Rekuperation hat aber sehr geholfen.“
„Lautlose Armada hat alle Erwartungen übertroffen“ Veranstalter Christian Herles, der auch schon bei aufsehenerregenden Events wie der Dakar oder der Transsibirien-Rallye die Strippen gezogen hatte, gab am Ende der e-miglia einen vielversprechenden Ausblick auf die nahe Zukunft: „Das war eine grandiose Premiere dieses großen Elektroabenteuers. Entgegen aller im Vorfeld geäußerten Befürchtungen hat die lautlose Armada die an sie gestellten Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen. Alle bis auf einen sind im Ziel, und das ohne größere Schwierigkeiten. Teilnehmer und Techniker haben einzigartige Erfahrungen sammeln können. Das war unser Ziel.“ Deshalb stehe für ihn und seine Partner der e-miglia 2010 schon fest: „Auch im kommenden Jahr gehen wir wieder an den Start.
Kommentar von Ralf Schütze:
"Der Mensch ist ein träges Gewohnheitstier, besonders im Denken. Viele bewegen sich lieber schicksalsergeben einen bekannten Weg entlang, den man objektiv Sackgasse nennen muss, anstatt eine neue, unbekannte Richtung einzuschlagen. Übertragen auf die Mobilität von morgen heißt das: Man kann sich natürlich noch eine Weile fossil bewegen, die letztmögliche Abzweigung in Richtung alternative Antriebe rückt aber unaufhaltsam näher. Spätestens dann heißt es für jeden: Umschwenken auf neue Pfade, die wir heute noch nicht im Detail kennen, aber mit etwas Hirnschmalz erahnen können. Einer der Pfade, die uns heute schon um die ultimative Sackgasse herumführen, heißt Elektromobilität. Und die hat mit der e-miglia 2010 eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass auf diesem Gebiet ordentlich was vorangeht.
Klar, kein Mensch möchte freiwillig wie der e-miglia-Gewinner gut 37 Stunden von München an den Gardasee fahren. Muss auch niemand, schließlich verlief die Rallye über Umwege und mit Sonderprüfungen. Aber die e-miglia hat gezeigt: Selbst mit den heute noch notwendigen Ladepausen kann man 560 km weit kommen, es geht auch elektrisch. Und zwar kann man heute bereits (oder in manchen Fällen schon bald) mit käuflichen Strom-Mobilen von München nach Rovereto fahren. Dass an der Alltagstauglichkeit der Technik gefeilt oder teilweise massiv weiterentwickelt werden muss, steht fest.
Fest steht jedoch ebenso, dass die Elektromobilität einen Ausweg aus der unweigerlichen fossilen Sackgasse bedeuten kann. Das sollten sich all jene vor Augen führen, die an der Herkunft des Stroms und an Gesamt-CO2-Bilanzen von Elektro-Autos herummäkeln, anstatt einen intensiven Blick das Potenzial solcher Energiequellen zu werfen und sich zu fragen: Wie können wir die Nachteile in den Griff kriegen? Von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Nachrichten vom Golf von Mexiko mal ganz zu schweifen. „Was der Autofahrer nicht kennt, das fährt er nicht“, könnte man in leichter Abwandlung eines alten Bauern-Sprichwortes dazu sagen. Darunter hatten auch schon neue Konzepte wie der Smart als fremdartiges Kleinfahrzeug zu leiden, und dieses Hindernis werden auch die Anbieter von Elektromobilen oder anderen Alternativen zu Diesel und Benzin überwinden müssen. Letztlich scheitern werden aber nicht die neuartigen Strommobile, sondern diejenigen, deren Treibstoff in absehbarer Zeit zu teuer oder irgendwann nicht mehr vorhanden ist. Für die Alternativen werden steigende Nachfrage, höhere Produktionszahlen und der technische Fortschritt schon bald dort praxisgerechte Lösungen ermöglichen, wo Ewiggestrige heute noch angeblich unüberwindbare Hindernisse düster darstellen.
Wie lange noch so manche fossilen Krawall-Events stattfinden können und dürfen, ist heute unklar. Die nächste e-miglia 2011 hingegen kommt bestimmt, wie Veranstalter Christian Herles angekündigt hat."
Ralf Schütze/am